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Agiles Mindset und nichts funktioniert? Zeit für Priming!

Trotz eines neu entwickelten agilen Mindsets gelingt es manchmal noch nicht, sich in der gewünschten Weise zu verhalten. In diesem Artikel erfährst du, warum das so ist und wie Priming hilft.

Ben ist ein junger, kompetenter Entwickler eines IT Teams. Er ist ruhig und sagt wenig. Zukünftig möchte er gerne mutiger seinen Standpunkt vertreten, zu seinen Entscheidungen stehen und im richtigen Moment ‘nein-sagen’. Er sieht in diesen Verhaltensweisen seinen persönlichen Beitrag für eine optimalere Selbstorganisation in seinem Team.

Damit ihm das möglichst zuverlässig gelingt, hat er ein dafür passendes Mindset entwickelt. Wie er dazu vorgehen kann, kannst du in dem Artikel ‘Agiles Mindset entwickeln – ein Leitfaden’ nachlesen. Unter einem agilen Mindset verstehe ich eine innere Verfassung, die das erwünschte Handeln in einem selbstorganisierten Team optimal unterstützt. Damit verbunden ist die Fähigkeit, diese Haltung bei Bedarf zu aktivieren. Bei Ben bedeutet dies beispielsweise, dass er dann ‘nein’ sagt, wenn er es möchte

Doch selbst mit einem eigens für diesen Zweck entwickelten agilen Mindset, gelingt es manchmal noch nicht, sich in der gewünschten Weise zu verhalten. Wahrscheinlich wird es auch Ben nicht sofort gelingen, im richtigen Moment ‘nein’ zu sagen. Wie ist das zu erklären? Wie kann es sein, dass trotz eines agilen Mindsets alles beim Alten bleibt? Vor allem: Was kann jemand tun, um sich so zu verhalten, wie er oder sie es möchte?

Weshalb trotz des agilen Mindset alles beim Alten bleibt

Neuronale Plastizität

Warum verändert sich trotz eines agilen Mindsets scheinbar nichts? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, lade ich dich zu einem Ausflug in die Funktionsweise des menschliche Gehirns ein.

Dies hat die Fähigkeit zu lernen. Diese Eigenschaft verdankt es der sogenannten neuronalen Plastizität. Gemeint sind damit strukturelle Veränderungen des Gehirns, um mit immer neuen Anforderungen aus seiner Umwelt optimal umzugehen. Diese Eigenschaft behält es Zeit seines Lebens. Es lernt permanent und speichert das Gelernte. Das wird leichter nachvollziehbar, wenn du dir das Gehirn wie ein riesiges Netzwerk von Verbindungen zwischen Nervenzellen vorstellst. Wenn das Gehirn etwas Neues lernt, entstehen neue Verbindungen zwischen Nervenzellen. Ein neues neuronales Netzwerk entsteht.

Diesen Sachverhalt möchte ich dir gerne an einem Beispiel erläutern: Was fällt dir ein, wenn du an Paris denkst? Welche inneren Bilder hast du? Welche Gerüche nimmst du wahr? Was gibt es zu essen und zu trinken? All’ diese Erinnerungen sind in deinem persönlichen neuronalen Paris-Netz gespeichert. In dem nachfolgenden Bild siehst du die Erinnerungen, die in meinem persönlichen Paris Netz gespeichert sind. Dein neuronales Netz von Paris sieht mit Sicherheit anders aus, da in deinem Gehirn andere Erfahrungen von Paris gespeichert sind.

Halten wir fest: Das Gehirn ist wie ein grosses Netzwerk organisiert. Dies ist nicht statisch, sondern strukturiert sich zeitlebens um.

Neuronales Netz: ‘Vom Trampelpfad zur Autobahn’

Bei der Strukturierung von Hirnverbindungen folgt das Gehirn einer einfachen Logik: 

  • War eine Entscheidung oder Handlung erfolgreich, so werden die entsprechenden neuronalen Netze gestärkt. Gleiches gilt, wenn sie häufig aktiviert werden. Fortan werden diese neuronalen Netze bei Entscheidungs- und Handlungsabläufen bevorzugt genutzt. 
  • Weniger erfolgreiche oder genutzte Gehirnverbindungen verlieren an Effizienz. Sie werden in der Folge seltener genutzt, eventuell sogar völlig zurückgebaut.

Es gilt die Hebb’sche Lernregel ‘Cells that wire together, fire together’, auf deutsch in etwa ‘Zellen, die miteinander verbunden sind, feuern zusammen’. 

Ein noch junges, wenig genutztes neuronales Netz lässt sich gut mit einem Trampelpfad vergleichen. Je häufiger er benutzt wird, desto eher wird er zum Feldweg, zur Landstrasse und schliesslich zur Autobahn. Gleich verhält es sich mit dem neuronalen Netz. Erst wenn es zur Autobahn geworden ist, steht es bei Bedarf zuverlässig und völlig automatisch zur Verfügung. 

Beim Gehirn gilt immer das gleiche Prinzip: Je weniger ein neuronales Netz genutzt wird, desto schwächer wird es. Bei häufiger Aktivierung, wird es gestärkt. Diesen Umstand machen wir uns beim Lernen zu Nutze. Dabei ist es dem Gehirn völlig egal, was es lernt: Skifahren, Spanisch sprechen, oder eine neue Haltung lernen – die Abläufe sind immer die gleichen.

Agiles Mindset = Trampelpfad

Kommen wir zu Frage zurück, auf die wir eine Antwort suchen: Weshalb bleibt das Verhalten einer Person beim Alten, obwohl sie ein agilen Mindset entwickelt hat? Das agile Mindset wird durch ein junges neuronales Netz repräsentiert. Es ist noch nicht stark genug, um zuverlässig zu funktionieren. Andere, gut etablierte neuronale Netze sind stärker und steuern das Verhalten.

Deshalb gelingt es Ben zunächst nur selten, mutig ‘nein’ zu sagen und seinen Standpunkt selbstbewusst zu vertreten. In den meisten Situationen schweigt er nach wie vor. Sein noch junges neuronales Mut-Netz ist noch nicht kräftig genug. Ben’s ‹Schweige-Netz› ist stärker und lässt ihn nichts sagen.

Ein neues agiles Mindset funktioniert also nicht sofort, da es stärkere neuronale Netze im Gehirn gibt, die das Verhalten steuern. Das noch junge Mindset-Netz ist erst ein Trampelpfad.

Lernen durch Priming

Das agile Mindset-Netz muss erst noch zur Autobahn werden, damit es sicher und zuverlässig funktioniert. Das gelingt, indem diese neuen Verbindungen möglichst häufig aktiviert werden. Wie lässt sich das bewerkstelligen? Eine Möglichkeit ist das Üben – so wie früher in der Schule beim Vokabeln lernen. Das ist jedoch zeitaufwendig und kann sehr mühsam werden. Eine wesentlich elegantere Möglichkeit ist das Priming.

Was ist Priming?

Beim Priming erhält das Gehirn einen Reiz unterhalb der Bewusstseinsschwelle. Dadurch werden existierende Gedächtnishinhalte gebahnt und gestärkt. Diese Wirkung wurde durch viele Studien nachgewiesen. Beispielsweise haben Rutchick, Slepian und Ferri (2010) gezeigt, dass Lehrkräfte mehr Fehler finden und schlechtere Noten vergeben, wenn sie die Korrektur mit einem Rotstift durchführen. Verwendeten sie einen blauen Stift, fanden sie weniger Fehler. Dieses Phänomen lässt sich dadurch erklären, dass durch den roten Stift Gedächtnisinhalte aktiviert werden, die mit Fehlern, schlechter Leistung und strenger Bewertung einhergehen. Das bewirkt entsprechende Aufmerksamkeitsfokussierung und schlechtere Benotung.

Durch Priming werden im Gehirn entsprechende Gedächtnisinhalte aktiviert. Diese Aktivierung beeinflusst die Art und Weise, wie Menschen im Anschluss danach handeln. Diese Eigenschaft macht sich die Werbung zu nutze. Sie primt beispielsweise durch die Einkaufstasche eines Supermarktes, französische Chansons in der Weinabteilung oder mit dem Mousepad eines Softwareherstellers. 

Doch nicht nur die Werbung nutzt das Priming. Wir alle werden fortwährend durch unsere Umwelt geprimt. Vielleicht kennst du folgendes Phänomen: Du bist im Begriff aus dem Haus zu gehen. Dann fällt dein Blick zufällig auf das gesammelte Altpapier. Daraufhin entschliesst du dich spontan, es zu bündeln und in Keller zu tragen. Diese Form des Primings findet laufend statt. Es ist unmöglich, nicht geprimt zu werden. Da Priming sowieso geschieht, nutzen wir es zu unserem Vorteil und stärken das noch junge Mindset-Netzwerk auf diese Weise.

Priming für das agile Mindset

Das Mindset-Netz lässt sich durch Gegenstände, Musik oder Gerüche primen. Diese werden eigens für diesen Zweck beschafft. Danach werden sie installiert. Fortan laufen die Lernprozesse unbewusst ab und es bedarf dafür keiner bewussten Aufmerksamkeit mehr.

Ben entscheidet sich für das Bild eines Löwen als PC-Hintergrundbild, ein Armband aus hellem Leder am Handgelenk und einen Löwen-Schlüsselanhänger. Mit diesen Gegenständen primt sich Ben so lange, bis sein Mindset-Netz zuverlässig funktioniert. Wesentlich ist, dass Ben sein Umfeld systematisch mit Primes ausstattet. Das bewirkt, dass sein neues Mindset-Netz dauernd benutzt wird, obwohl Ben’s bewusste Aufmerksamkeit bei ganz anderen Themen liegt.

Priming: Dünger für das agile Mindset

Ein neues agiles Mindset wird durch ein neues neuronales Netz repräsentiert. Damit ist ein erster wichtiger Schritt gemacht. Danach muss das neue Mindset Netz gestärkt und trainiert werden. Die neuen Verbindungen müssen so oft wie möglich aktiviert werden. Das stärkt das neue Netz, sodass es zuverlässig funktioniert. 

Dies lässt sich leicht und elegant durch den Einsatz von Priming erreichen. Diese Reize unterhalb der Bewusstseinschewelle bahnen und verstärken das neue neuronale Mindset-Netz. Erfahrungsgemäss dauert es etwa 3 – 6 Monate, bis es stark genug ist, um zuverlässig aktiviert zu werden. Wer sich auf sein agiles Mindset-Netz primt, tut ähnliches wie ein Gärtner beim Düngen seiner Pflanzen. Dünger verhilft Pflanzen zu eindrucksvolleren Blüten und Früchten. Wer sich auf sein erwünschtes Mindset primt, legt dadurch eine kraftvolle Basis für ein erwünschtes Verhalten.

Hier erfährst du mehr:

Unter folgenden Links findest du weitere Infos zum Thema agiles Mindset und wie es entwickelt wird.

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