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Was ist ein agiles Mindset?

Möchtest du agile Prinzipien und Werte in deinem Team etablieren? Dann weisst du wahrscheinlich, wie wichtig hierfür ein agiles Mindset ist. Es ist eine bestimmte Haltung, das ist schon klar. Doch was ist ein agiles Mindset eigentlich genau? In diesem Artikel findest du eine Antwort auf diese Frage.

Sie lässt sich am besten mit einem kleinen Ausflug in die Zielpsychologie beantworten. Dort beschäftigt man sich intensiv mit der Frage, wie Ziele formuliert werden müssen, damit sie handlungswirksam sind. Das ist für uns wichtig. Denn wir benötigen eine Formulierung, die die Umsetzung agiler Prinzipien und Werte möglichst zuverlässig sicherstellt. 

Schauen wir uns das Ganze am Beispiel von Ben an. Er ist ein sehr kompetenter, zuverlässiger Entwickler eines IT Teams. Ben ist sehr ruhig und schweigt häufig. Zukünftig möchte er gerne mutiger seinen Standpunkt vertreten, zu seinen Entscheidungen stehen und im richtigen Moment nein-sagen. Wie kann er die Erkenntnisse aus der Zielpsychologie für sich nutzen?

Verschiedene Zieltypen

Spezifische Ziele

Einer gängigen Meinung zufolge sollten Ziele so konkret und spezifisch wie möglich formuliert sein. Dann haben sie optimale Erfolgsaussichten. Zu dieser Form der Zielformulierung gehören die SMART Ziele. Dieses Akronym steht für spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert. Ben könnte sich also vornehmen, dass er im nächsten Planungsmeeting einmal nein sagt und damit eine Aufgabe ablehnt. Diese Zielbeschreibung ist spezifisch, messbar, realistisch und terminiert. Ob sie führ ihn tatsächlich attraktiv ist, lässt sich nicht beurteilen. 

Wahrscheinlich kannst du leicht nachvollziehen, dass diese Form der Formulierung für Ben’s Wunsch nach mehr Mut wenig sinnvoll ist. Was ist, wenn es gar keine Aufgabe gibt, die er ablehnen möchte? Wenn er vielmehr selbstbewusst zu seiner Entscheidung stehen mag? Wie sieht überhaupt ‘richtiges Verhalten’ bei dem Wunsch nach mehr Mut aus? Das ist von vorn herein gar nicht klar. Deshalb lässt es sich schwerlich in konkrete und allgemein gültige Handlungsanleitungen fassen. 

Halten wir fest: Dieser Zieltyp eignet sich gut für einfache Aufgaben. Dann ist klar, was zu tun ist. Für komplexe Aufgaben ist er nicht geeignet. Zudem bedingt er etwas, das in der Praxis oft vergessen wird: Der Zielsetzende muss für das Ziel motiviert sein. Wie dies zu bewerkstelligen ist, bleibt offen. 

Haltungsziele

Ben benötigt eine Formulierung, die sich vielmehr auf seine innere Verfassung bezieht, denn auf konkret beobachtbares Verhalten. Dafür gibt es einen alternativen Zieltyp: Das Haltungsziel. Es ist allgemein formuliert und beschreibt einen Zielkorridor. Damit bestimmt es eine innere Haltung, mit der psychisches Geschehen organisiert wird. Es ist nichts anderes als das agile Mindset, das im Mittelpunkt unserer Betrachtung steht.

Diese Mindset-Haltungsziele sind bildhafte Umschreibungen der gewünschten Verfassung. Wie es gebaut wird, habe ich in dem Artikel ‘Agiles Mindset entwickeln – ein Leitfaden’ anhand Ben’s Wunsch beschrieben. Ben’s hat sich folgendes Mindset-Haltungsziel erarbeitet ‘Mit königlicher Eleganz ruhe ich in meiner Löwenkraft’. Durch diese metaphorische Formulierung löst es bei Ben positive Gefühle aus und wirkt ausgesprochen motivierend. 

Die Zielpyramide

Je nach dem, wie Ziele sprachlich formuliert sind, lassen sie sich nach verschiedenen Typen unterscheiden: Entweder konkret und spezifisch oder abstrakt und allgemein. Diese verschiedenen Zieltypen lassen sich gut in der nachfolgend dargestellten Zielpyramide abbilden. Sie wurde von Maja Storch im Rahmen des ZRM® entwickelt.

Ziele auf der Ergebnisebene

Üblicherweise betreten wir die Zielpyramide auf der mittleren Ebene. Wir formulieren ein gewünschtes Ergebnis, wie Ben in unserem Beispiel: ‘Ich möchte mutiger sein’.

Was ist ein agiles Mindset: Ziel auf der Haltungsebene

Als nächstes empfiehlt es sich, auf die Haltungsebene zu gehen. Hier befindet sich das agile Mindset. Es beschreibt eine innere Verfassung des Zielsetzenden, die das psychische Geschehen organisiert. Es ist die allgemeine Formulierung des angestrebten Ergebnisses – ein Haltungsziel. 

Wie im Beispiel von Ben ‹Mit königlicher Eleganz ruhe ich in meiner Löwenkraft›. Diese bildhafte Formulierung löst bei Ben positive Gefühle aus. Sie machen diese Haltung für Ben ausgesprochen attraktiv. Somit verfügt er über intrinsische Motivation für seinen Wunsch nach mehr Mut.

Wann und wie er sich mutiger verhält, ist dank der allgemeinen Formulierung des Ziels völlig offen. Es stellt Ben eine Vielzahl von Verhaltensoptionen zur Verfügung. Damit ermöglicht es flexibles, dynamisches und situationsadäquates Handeln. Es ist im besten Sinne agil. Das Haltungsziel ist damit die ideale Zielformulierung für unser agiles Mindset.

Für mich ist ein agiles Mindset also keineswegs ein definiertes Set erwünschter Eigenschaften oder Werte einer Person. Es ist vielmehr eine innere Verfassung, die das erwünschte Handeln in einem selbstorganisierten Team unterstützt. Damit verbunden ist die Fähigkeit, diese Haltung bei Bedarf zu aktivieren.

Ziele auf der Verhaltensebene

Auf der Verhaltensebene schliesslich steht das konkrete und spezifische Handeln im Mittelpunkt. Auf dieser Ebene befinden sich SMART Ziele. Eine Alternative dazu sind ‹Wenn-Dann-Pläne›. Sie wurden von Professor Gollwitzer, Motivationspsychologe der Uni Konstanz, entwickelt. Er hat ihre Wirksamkeit in zahllosen Studien nachgewiesen.   Sowohl SMART Ziele wie auch Wenn-Dann-Pläne› beschreiben die Umsetzung eines Ziels, nachdem ein Haltungsziel gebildet wurde. Ben könnte sich beispielsweise folgenden Wenn-Dann-Plan vornehmen: ‘Wenn ich in in unserem nächsten Planing Meeting ungenügend spezifizierte Aufgaben erhalte, dann sage ich «nein». 

Welche Vorteile bietet ein agiles Mindset?

Fassen wir nochmals zusammen: Ein agiles Mindset repräsentiert die innere Verfassung des Zielsetzenden, die das psychische Geschehen organisiert. Dank seiner allgemeinen Formulierung umfasst es einen Zielkorridor. Dieser wirkt wie Leitplanken einer Autobahn innerhalb derer man sich frei bewegen kann. Ein agiles Mindset

  • erzeugt Intrinsische Motivation und Sinn-Erleben
  • schafft ein Gefühl der Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit und Realisierbarkeit des Ziels
  • regt eine Einstellungsänderung an
  • ermöglicht eine Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten
  • bietet Optimismus, Entschlossenheit und Widerstandsfähigkeit bei Rückschlägen
  • Umsetzung des Ziels gelingt scheinbar wie von selbst

Diese Vorzüge ermöglichen es, mit neuen Wegen agile Prinzipien und Werte bei Mitarbeitenden eines Team zu etablieren.

This Post Has 2 Comments

  1. Angela

    Hallo Frau Stopka,
    was ist der Unterschied zwischen Ihrem agilen Mindset und den Haltungszielen von Maja Storch im Zürcher Ressourcen Modell? Im Jahr 2009 hat sie hierzu den Artikel „Motto-Ziele, S.M.A.R.T.-Ziele und Motivation“ geschrieben.

    1. Regine

      Hallo Frau Daalmann,

      das ist eine sehr gute Frage. Ich sehe in einem agilen Mindset genau das, was Maja in diesem Artikel beschreibt, den Sie zitieren: Ein Haltungsziel. Beides entspricht der Intention des Rubikon-Prozesses. Es ermöglicht viele verschiedene Verhaltensweisen, optimal passend für die jeweilige Situation. Diese Fähigkeit zum situationsadäquaten Handeln ist notwendig, wenn nur wenig Vorgaben und Prozesse existieren, wie beispielsweise in selbstorganisierten Teams.

      Herzliche Grüsse,
      Regine

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